27 Februar 2006

Fotos

Endlich hat's geklappt. Nach dem dritten Anlauf habe ich am Sonntag endlich eine neue Digitalkamera erstanden. Die Chinesen sind ein ganz schön zähes Völkchen im Verhandeln. Rui's Cousin hat uns wieder in das Electronic-Center gebracht und nach ca. 5 Stunden Suchens, Verhandeln, etc., etc. habe ich nun (neben einem Übersetzungscomputer) meine Casio Exilim S500 ink. 256 MB Speicherkarte für knapp 400 CHF. Ist okay, Elektronik ist in China nämlich nicht sehr viel günstiger als bei uns. Die Kamera ist super!
Natürlich habe ich gleich ein paar Fotos geknippst und diese zusammen mit ein paar von Rui's Kamera auf eine Fotoseite gestellt:
http://www.flickr.com/photos/micha_sca/

Ich werde laufend neue raufladen.

24 Februar 2006

Xiu Kamikaze

Schule ist immer noch schwierig.

Ich musste heute lachen, als ich gehört habe, dass mehrere Studenten (eigentlich warens nur Studentinnen) mit dem Taxi zum Unterricht fahren. Sehr witzig. Klar, es ist eiskalt hier und mit dem Fahrrad auch wegen der Massen von anderen Fahrern eine mühsame Angelegenheit. Trotzdem dauert es nicht länger als 15 Minuten und so ein bisschen Frühsport kann doch nicht schaden, oder? Diese arrogante Schweizerin mit ihrer Freundin (die sind zusammen hierher gekommen) und ein paar Amerikanerinnen lassen sich lieber morgens chauffieren. Naja, jeder wie er will. Ich werde die Möglichkeit wahrscheinlich im Frühling bei den Sandstürmen in Betracht ziehen.

Apropos Fahrrad. Gestern hat’s schliesslich den vorhersehbaren „Rumms“ gegeben. Xiu Min ist eine Kamikaze-Velofahrerin. Die schaut weder links noch rechts beim Abbiegen noch sonst irgendwie in ihre unmittelbare Umgebung beim Strassenverkehr. In China Russisches Roulette. Hier gilt das Recht des Stärkeren, und man muss seine Augen und Ohren immer in Alarmbereitschaft halten. Das hat Xiu Min nicht gepeilt, obwohl Rui und ich ihr das schon 100 Mal gesagt hatten. Wer nicht hören will muss fühlen.

Auf dem Weg zum Abendessen war sie wieder einmal die Rampe vom Einstellplatz heruntergebrettert, direkt in die Strasse hinein. „Rumms“. Ich habe es wie in Zeitlupe gesehen, als ein Auto genau in sie reinfuhr. Zum Glück hatte der Fahrer gebremst und Xiu Min ist nicht einmal hingefallen, obwohl er sie auf der vollen Breitseite erwischt hat.

Eine Szene wie in einem Slapstick-Movie. Nach dem Schreck mussten wir alle lachen. Ausser Xiu Min. Irgendwie gab sie auf jeden Fall dem Velo die Schuld und brachte es zu einen der unzähligen „Bicycle doctor“’s um ein Rad auszuwechseln. Das war aber noch vollkommen in Ordnung. Egal, hier wundert mich nicht mehr vieles. Ich hoffe aber inständig, dass Xiu aus dem kleinen Zusammenstoss gelernt hat. Vielleicht hat es das ja gebraucht. Beim nächsten Mal könnte es nämlich richtig krachen.


Ich habe Laiming Tang getroffen. Das ist ein Freund von Roy, dem Austauschstudenten an meiner Schule. Laiming studiert an der Tsinghua Universität. Er hat mir erzählt, dass die chinesischen Schüler hier alle zu viert in einem Zimmer sind und dass sie nur kaltes Wasser haben. Ihre Matratzen sind nur halb so dick wie unsere (wobei unsere ja schon die Bezeichnung Matratze nicht verdienen). Trotzdem sagt er, dass die Uni eigentlich ziemlich locker sei. Anscheinend ist die richtig grosse Büffelei nur bis und mit Highschool angesagt. Die Unis seien nicht mehr so anstrengend.

Wir sind zusammen in die Mensa essen und er hat mir noch ein paar Läden auf dem Campus gezeigt. War sehr witzig. Ich finde es auch wichtig, dass ich nicht nur mit den Lao Wie (Ausländern) zusammen bin sondern auch die Chinesen besser kennenlerne. Ich habe übrigens Laiming gefragt, ob er die Koreaner von den Chinesen unterscheiden kann. Er meint das ginge nur anhand der Kleidung. Die Koreaner kleiden sich immer sehr „fashionable“ (viele Markenkleider) und sind aufgetakelter als die Chinesen. Das stimmt wirklich.

Allein vom Gesicht her kann er die beiden Nationalitäten aber nicht auseinander halten.


23 Februar 2006

Schöner Sommer vs. Reiskorn

Namen in China, das ist ein interessantes Thema. Da es für Ausländer äusserst schwierig ist, chinesische Namen auszusprechen resp. im Gedächtnis zu behalten und auch weil es modern ist, geben sich viele von ihnen englische Namen. Die wählen sie frei. Ich frage mich allerdings ernsthaft, wodurch sie sich bei dieser Wahl inspirieren lassen. Der erste Chinese mit englischen Namen, den ich kenne, war Roy. Hier in Beijing habe ich nun einen Charles und eine Sissi kennengelernt. Bestimmt lassen sich noch Camilla, Diana oder ähnliche finden. Würde mich nicht wundern.

Ungekehrt ist es natürlich ebenfalls so, dass Ausländer sich der Einfachheithalber chinesische Namen aneignen. Scarpatetti Michaela (Nachname immer vor Vornamen in China) ist ja offenbar schon in der Schweiz ein sprachlicher Hindernislauf. Meine Chinesischlehrerin aus dem Aargau hat mir daher den Namen Xià lìlì gegeben (xià = Sommer, lìlì = schön). Wobei das „schön“ im Namen nicht mich als Besitzerin des Namens meint (wäre ja mehr als nur eingebildet), sondern einfach den Namen selbst. "Schöner Sommer", das ist doch mal was.

Bei der Einschreibung zum Schulunterricht lief das dann aber anders. Da ich auf dem Anmeldeformular auch meinen deutschen Namen schreiben musste, haben die einfach „Michaela“ genommen und irgendwie ins Chinesische übersetzt. Das war ab dann mein offizieller chinesischer Name.
Jetzt heisse ich auf einmal Mĭ hé lā. Wörtlich übersetzt: „Reiskorn“, „Lotus“, „ziehen“, ergibt also so etwas wie „Ein Reiskorn zieht eine Lotusblume“. Aha.

So, das Reiskorn muss jetzt noch lernen, morgen (so wie eigentlich jeden Tag) steht wieder eine Prüfung auf dem Plan.

Zum Thema chinesische Namen gibt es 2 gute Links:

1. Hier kann man seinen Namen übersetzen lassen und gleich hören
http://vcdic.drgao.de/index.php?page=tools.php

2. Hier die etwas exotischere Version, man erhält einen Namen mit Bedeutungen http://www.mandarintools.com/chinesename.html

22 Februar 2006

ganz schön schwierig

Am Dienstag hat der Chinesischunterricht begonnen. Und wie! Das Gebäude ist so versteckt, dass am ersten Tag mehr als die Hälfte meiner Klasse zu spät ins Zimmer polterte. Mit dem Fahrrad fährt man ca. 15 Minuten. Der Unterricht beginnt um 8 Uhr (an manchen Tagen um 13 Uhr).

Wir sind ca. 17 Schüler, praktisch alles Koreaner, ein Japaner, ein Deutscher, ein Franzose und zwei, welche zwar chinesisch Eltern haben, jedoch im Ausland aufgewachsen sind und nur die dortige Landessprache sprechen und Hongkong-Chinesen. Das Zimmer ist relativ klein, die Bänke sowieso und die Stühle nicht sehr bequem. Aber es ist okay. Im Moment werden wir in 3 Fächern unterrichtet, Sprechen, Hörverständnis und Lesen. Ganz besonders Mühe macht mir Letzteres. Ich kann nämlich noch praktisch kein einziges chinesisches Zeichen schreiben und somit auch nicht lesen. Ausser vielleicht „China“, aber damit komme ich wohl nicht weit. Bei den Hongkong-Chinesen ist das anders. Die haben dieselbe Schrift. Wieso müssen die denn noch Chinesisch lernen? Weil sie anders sprechen. Das lässt sich in etwa folgendermassen veranschaulichen: Ein Verkehrsschild mit der Aufschrift 50 wird vom Engländer fifty, vom Franzosen als cinquante und vom Deutschen als 50 verstanden. Alle können es schreiben und lesen, aber mündlich gesprochen verstehen sie einander nicht. Wenn sie der jeweiligen Sprache nicht mächtig sind.
Die Koreaner hatten praktisch alle bereits Unterricht und deren Sprache und Schrift ist halt nicht so voneinander entfernt.

Ich bin also hier in der unbedingt-schreiben-lernen-müssen-Minderheit.

Das ist wirklich ganz schön schwierig. Es gibt zwar ein System, in welcher Reihenfolge die „Buchstaben“ zu schreiben sind und ich kann die auch abzeichnen, aber mir das einzuprägen ist sehr mühsam und langwierig. Nach einer gewissen Zeit sollte das aber viel einfacher gehen.

Wir haben 4 Stunden Chinesisch pro Tag. Daneben müssen wir Hausaufgaben lösen, das Gelernte repetieren und für die nächste Stunde vorbereiten, Dauer ca. 3 h. Ich war noch nie ein Fan von Hausaufgaben, hier zwinge ich mich aber dazu. Ansonsten kann man dem Unterricht unmöglich folgen. Der ist schon genug schwer und in einem Affentempo.

Wàn shì kāitóu nán – aller Anfang ist schwer. Dieser hier besonders.

21 Februar 2006

Made in China

Ich brauchte dringend Kleidung. Nicht nur, weil es hier sehr kalt und windig ist (immerhin schneit es nicht), ich habe auch extra nicht viel mitgenommen. China ist ja das Textilland schlechthin.

Wir gingen also zu einem Shoppingcenter, das ca. 30 Min. zu Fuss vom Wudaokou entfernt liegt. Wobei man sich aber nicht so ein amerikanisches vorstellen sollte sondern eher ein grosses Gebäude mit unzähligen kleinen Shops, wie ein Basar. Ich kaufte mir ein Shirt für 30 Yuan (ca. 5.5 CHF), einen Pulli für 60 Yuan und eine Jacke für 200 Yuan. Eigentlich wollte ich auch ein grösseres Portemonnaie kaufen, für die unzähligen Scheine, die man der Währung wegen immer herumtragen muss und das Herumgekrame beim Bezahlen ist auch etwas nervig. Allerdings habe ich dort nur irgendwelche Comicmotive gesehen oder es hatte lederne, langweilige oder solche mit Mao’s Antlitz. Nun ja. Xiu Min fuhr total auf diese ab. Sie kaufte sich aber noch keins, weil die Preise recht hoch waren. Bin sicher in den nächsten Tagen wird sie mit den Yuan-Scheinen (wo auch schon Mao’s Gesicht drauf ist) aus dem Mao-Portemonnaie bezahlen. Unabhängig von des uns unverständlichen Personenkult um Mao finde ich dies ein spezielles Paradox, da Mao das neue Streben nach Reichtum zutiefst abgelehnt hätte. Jetzt ziert er Geldbörsen und fast alle Yuan-Scheine...

20 Februar 2006

all-you-can-eat

Am Abend waren wir in einem japanischen Restaurant am Wudaokou. Da gibt es zwischen 17 und 20 Uhr all-you-can-eat Sushi für nur 36 Yuan (= ca. 6 CHF). Man kann da von einer Karte mit ungefähr 30 Möglichkeiten auswählen. Alles, was man bestellt und nicht isst, muss man zusätzlich bezahlen. Also haben wir immer wieder 3 Portionen bestellt. Lachs, Thunfisch, California-Rolls, alles mögliche und alles schmeckte traumhaft!
Ist ganz was anderes als der Kantinen-Food.

19 Februar 2006

"There are nine million (plus 1) bicyles in Beijing"...

Click on the link:
"There are nine million bicyles in Beijing"(Katie Melua)


Ab heute 9 million + 1 bicycles in Beijing...

Gestern war es endlich so weit, zum letzten Mal die ca. 30 Minuten durch den ganzen Campus zu Fuss vom einen Ende zum andern gehen. Ich habe ein Fahrrad!
An einem ziemlich heruntergekommenen Stand sind Rui und ich fündig geworden. Innerhalb des Schulgeländes kann man zwar ebenfalls Velos kaufen, aber halt nur neue. Und das ist hier nicht so geschickt, denn sonst ist man es ziemlich schnell wieder los. Eigentlich auch nicht anders als in Zürich.
Jedenfalls trafen wir bei dem Händler auch noch eine lustige 3-er Gruppe bestehend aus einem Schweden, einem Österreicher und einem Chinesen. Die sind ebenfalls an der Tsinghua und machen dort ihr Master of Business Administration. Wobei sie aber nicht unbedingt ein gutes Händchen für Business unter Beweis stellten. Der Händler wurde während des Gespräches mit der Gruppe bald ziemlich aggressiv und die Truppe verliess fluchtartig den Velostand. Vorher luden sie uns aber noch zu einer kleinen Party ein, welche offenbar ab 21 Uhr im Nebengebäude sein würde. Okay, wieso nicht.
Rui und ich hatten ziemlich schnell unsere Bikes (obwohl die Bezeichnung „Schrottgöppel“ passender ist) ausgewählt. Einziges Kriterium: Funktionierende Bremse. Mehr konnte man auch nicht erwarten. Licht? Habe ich bis heute an noch keinem Fahrrad gesehen. Und ich habe schon sehr viele Fahrräder zu Gesicht bekommen. Auf dem Campus kurven alle kreuz und quer damit herum.
Rui stellte sich wohl recht geschickt bei der Verhandlung an. Wir bezahlten schlussendlich (nach ca. 20 Min Diskussion in eisiger Kälte) pro Fahrrad inkl. neuem Korb, Sattel und Schloss 85 Yuan, das sind grob 16 CHF. Nicht schlecht, oder?
Wieder zurück in der Uni sind wir wieder in die Mensa essen gegangen. Merkwürdigerweise waren wir schon wieder die einzigen Nicht-Chinesen dort. Vielleicht trauen sich die Ausländer noch nicht dorthin. Das Essen ist aber ganz okay. Man kann sich die Gerichte anschauen und einfach per „Fingerzeig“ wählen. Zahlen geht dann ganz praktisch mittels Essenkarte. Was mir aufgefallen ist, die Chinesen legen ein Affentempo beim Essen hin, ausserdem trinken die dabei nichts. Kein Wasser, Tee, geschweige denn Softgetränk. Nichts.
Nach 7 Uhr kann man übrigens auch nichts mehr zu Essen bekommen. Man ist hier recht früh zu Abend. Ist für mich auch noch gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe ja zur Not auch noch meine Supermarkt-Trockensuppen. Die schmecken gar nicht so schlecht.
Am 18. Februar sollte morgens der Chinesisch-Einstufungstest stattfinden. Da wie ich bereits mehrere Male erwähnt habe, der Campus riesig ist, haben wir uns nach dem Essen gleich auf die Suche nach dem Prüfungsgebäude gemacht.
Dort angekommen sollte in der Eingangshalle eine Liste mit allen Sprachschülern hängen. Dieser sollte man dann entnehmen können, wo und um welche Zeit die jeweilige Prüfung stattfinden würde.
Tja, typisch. Natürlich war die Liste ausschliesslich auf Chinesisch. Diese Liste war für Sprachschüler. Wieder einmal chinesische Logik.
Da fanden wir aber jemanden der uns half, unsere Namen und die Zimmer für morgen zu finden.
Um 21 Uhr sind wir dann mit Xiu Min im Schlepptau zu dieser Foreign-Students Party im Gebäude gegenüber. Ich habe zwar wirklich nicht vor, mich hier einer Deutschen oder sogar Schweizer Gruppe anzuschliessen, aber man kann ja mal schauen.
Wir trafen schlussendlich Norweger, Schweden, Österreicher, Franzosen, Deutsche und noch einen Schweizer. Total ca. 15 Leute. Die waren aber alles Austauschstudenten oder MBA-Absolventen. Keine Sprachschüler. Das sind glaub wirklich zu 99% Koreaner. Soll mir auch Recht sein!
Xiu Min wollte dann bald zurück ins Zimmer um für morgen zu lernen. Okay, ich hatte mich dagegen bereits eingestellt, einfach meinen Namen auf den Prüfungsbogen zu schreiben und den dann gleich abzugeben. Obwohl, da es ein Multiple-Choice Test sein würde, wäre es doch interessant, nach Zufallsprinzip anzukreuzen. Nur so aus Neugier um dann zu schauen, in welcher Klasse man landet...?

18 Februar 2006

Kontrast

Am heutigen Tag stand der Chinesischtest auf dem Plan. Das Gebäude hatte ich relativ schnell wieder gefunden. Das Velo ist echt eine riesen Erleichterung.

Überall waren viele Koreaner und Japaner, ein paar wenige Europäer schwirrten auch herum.
Drinnen traf ich auf Rui und Xiu Min, welche soeben ihre Tests beendet hatten. Sie waren in der ersten Prüfungsgruppe. Als wir so im Gang herumstanden, stellte sich auf einmal eine total unangemessen aufgebrezelte Brünette neben uns und stellte sich vor. Sie war aus Zürich. Hilfe! Das war so eine – sorry – typische Goldküstentussi. Ich verwickelte sofort jemand anderen in ein Gespräch und ignorierte sie einfach. Mich bei ihr als Schweizerin erkennen zu geben, das musste nun wirklich nicht sein.
Im Klassenzimmer schliesslich traf ich auch noch einen Kanadier und ein paar Amis, die waren eigentlich ganz nett.

Der Test selber? Nun, so schnell habe ich in meinem Leben wohl noch nicht eine Prüfung abgegeben. Meinen Namen auf Deutsch und Chinesisch habe ich draufgeschreiben. Vom Rest hatte ich null Ahnung. Die Lehrerin liess nämlich eine Kassette laufen und wir sollten Multiple-Choice Antworten ankreuzen. Alles ausschliesslich auf Chinesisch. Die einzigen chinesischen Zeichen, die ich kann, sind „China“, mittlerweilen mein Name und das wars dann auch schon. Meine spärlichen Chinesischkenntnisse hatte ich mir ursprünglich mittels Pinyin-Umschrift (internationale Lautschrift) erarbeitet, nicht mit den Characters.

Am Nachmittag fand die offizielle Willkommensfeier im Mainbuilding statt. Das ist ein wunderschönes und topmodernes Gebäude. Ich schätze die Anzahl ausländischer Studenten auf ca. 300. Wir sassen also alle in dieser stilvollen Aula mit (ja, das gibt es auch manchmal in Schulen) sehr bequemen Stühlen. Für manche vielleicht zu bequem, denn schon nach kurzer Zeit waren einige – vor allem Japaner –bereits eingenickt.
Die gesamte Rede wurde – wen wunderts – auf Chinesisch gehalten. Nur ein paar Stichworte wurden mittels Powerpoint-Präsentation neben dem Chinesisch ebenfalls auf Englisch eingeblendet. Ziemlich patriotisch das Ganze. Aber auch eindrücklich. Dieses Jahr besuchen ca. 30'000 Studenten die Tsinghua Universität. Sie zählt – neben der Beijing Universität – zur Besten ganz Chinas. Im International Students Handbook steht auf der 1. Seite wortwörtlich: „The Inspiring Motto of Tsinghua University: Self-improvement and social commitment. The Spirit of Tsinghua University: Actions Speak Louder than Words. The Study Sprit of Tsinghua University. Rigor, Diligence, Veracity and Creativity.” Der aktuelle Präsident der VR China, Hu Jintao, ist ein Ex-Student der Tsinghua.

Ich habe von der Rede praktisch gar nichts verstanden sondern in dem Büchlein geblättert. Offenbar muss es aber auch amüsant gewesen sein, denn ab und zu lachten mehrere Zuhörer und auch die Redner über das eben Gesagte.

Die Studenten wurden dann aufgesplittet in Englisch und Chinesisch. Bei uns im englischen Raum war die Referentin von der Visums-Behörde. Sie erklärte und allgemeine Regeln. Im speziellen an die Männer richtete sie die Worte, dass Vandalismus o.Ä. auch im Trunkenzustand harte Strafen zur Folge habe. Für Kontakt mit Prostituierten gibt’s sofort Landesverweis. Dann noch allgemeine Hinweise: Wo man sich registrieren soll, auf Wertsachen achten, usw.

Nach der Veranstaltung trafen wir die Jungs vom Velostand wieder, Fredrik (der Schwede), Stefan (Österreicher) und Charles (ihr chinesischer Buddy). Wir vereinbarten am Abend im 22ten Building, wo wir zusammen mit anderen Studenten dann das Nachtleben erkunden wollten.

Ich wollte ja eigentlich den andern Europäern aus dem Weg gehen, aber für ein Mal, dachte ich mir, kann mans ja mal versuchen.

Schlussendlich waren wir ca. 20 Leute (ca. 10 davon aus Deutschland, die waren sogar zusammen aus Aachen durch ein Austauschprogramm hierher gekommen). Wir landeten in einer Bar namens Blu. Sehr edel eingerichtet. Wie bisher überall lief auch hier Hiphop. Im Gegensatz zum Propaganda waren hier aber praktisch nur Ausländer. Wie schon erwähnt, war das nicht gerade mein Traum, aber jetzt waren wir ja schon hier. Die Deutschen Jungs benahmen sich auch dem Klischeé entsprechend und tranken was das Zeug hielt. So in etwa stelle ich mir die Urlaubs-Nachtszene in Mallora vor… Egal, wir feierten auf unsere Art mit und hatten auch unseren Spass.

Um ca. 2 Uhr verliessen wir dann den Club und da erwartete uns dann das erschreckende Kotrastprogramm zur „Mallorca-Stimmung“ drinnen. Kleine Kinder, ich schätze mal 6 Jahre alt umringten unsere ganze Gruppe und verlangten nach Geld. Sie zerrten an den Kleidern der Jungs und waren richtig aufdringlich und aggressiv. Ich habe ja schon einiges gesehen. Aber das hat mich wirklich erschüttert. Sie zogen und zerrten an uns Erwachsenen herum. Einer der Jungs machte den Fehler und gab einem Knirps etwas Geld, klar stürzten sofort die andern 4 auch herbei und liessen ihn fast nicht mehr weitergehen. Ich hielt meine Tasche fest und wir liefen weiter zum Taxi. Ein Kind zog an Ruis Tasche und als sie sie wegzog und auf chinesisch „nein“ sagte, war er so verärgert, dass er zum Boden griff und einen Stein packte. Jemand anders rief ihn aber sofort zurück und Rui kam unversehens ins Taxi. Jemand von unserer Gruppe gab den Kindern was zu essen, das war aber auch sehr schwierig, die waren so aggressiv. Ich glaube aber, es ist aber auch das einzige, was ihnen wirklich helfen kann. Die sahen so heruntergekommen aus und hatten trotz ihres kindlichen Alters sehr harte und bittere Züge im Gesicht.

Wahrscheinlich gibt es da eine Art „Zuhälter“, welche sie losschickt und ihnen das meiste Geld gleich wieder abköpft.

Das hat mich wirklich beelendet. Die andere Seite vom „Boomland China“.

17 Februar 2006

Hühnerhaut , Propaganda und "Plumpsklo"

War wieder ein ereignisreicher Tag gestern (16.02.).
Früh morgens hat mich ein energisches Klopfen aus dem Bett geholt. Xiu Min (so der chinesische Name der Koreanerin)hatte telefonisch Wasserkanister inkl. Handpumpe bestellt, welche nun eingetroffen waren. Super, endlich keine Flaschenschlepperei mehr.
Kurze Zeit später sind wir dann zu dritt losmarschiert, also Xiu Min, Rui und ich. Mit einer ganzen Liste von Besorgungen, welche wir erledigen wollten. Es war bitterkalt und der eisige Wind machte das Laufen fast unerträglich. Wir nahmen uns ein Taxi und fuhren zum Wudaokou oder so ähnlich. Dort gab es Unmenge von Telekommunikations-Shops. Ich brauchte ja noch eine chinesische SIM-Card. Die haben dieselbe Grösse wie die in der Schweiz, also kann ich mein Handy weiterverwenden. Dieses Mal sprachen Rui und Xiu Min mit dem Verkäufer, denn wie bereits erwähnt, spricht praktisch keiner Englisch hier und mit meiner Zeichensprache wäre das viel länger gegangen.
Ich durfte mir dann auch eine Nummer aussuchen. Das lustige ist, dass die unterschiedliche Preise hatten. Das hing aber nicht nur davon ab, ob die Kombination einfach zu merken ist, nein, auch eine wichtige Rolle spielt hier der Aberglaube. Die Nummer 4 ist in China überhaupt nicht beliebt. Si (=4) bedeutet Tod und ist somit eine Unglückszahl. In vielen Hotels wird sich kein 4. Stock finden, aus demselben Grund.
Bedeutet somit auch, dass Handynummern mit einer 4 am günstigsten sind. Da ich nicht unbedingt abergläubisch bin, habe ich mich für eine solche entschieden. Aber nur mit zwei Vieren, herausfordern sollte man es ja auch nicht.
Jedenfalls hatte ich jetzt meine SIM-Card und wir gingen weiter zum Zhongguonzu, das ist ein ganzes Areal voller Electronic-Malls. Da gibt es absolut alles zu kaufen. Ich wollte eine Digitalkamera. Gar nicht so einfach. Es gibt zwar eine riesen Auswahl, auch von Sony, Canon, Samsung, etc., aber die Preise waren nicht viel besser als bei uns. Trotz intensiven Feilschens in einem seperaten Verhandlungszimmer. 2000 RMB wäre das beste Angebot gewesen, das sind ca. 370 CHF. Naja, ich werde mich auf jeden Fall noch weiter umsehen und noch ein paar Ortsansässige fragen.
Nach den ganzen Verhandlungen hatten wir auch langsam Hunger. Weit und breit gab es aber nur Elektronikhäuser und einen McDonald's. So verzweifelt, dass wir in letzterem Essen gehen würden, waren wir aber auch noch nicht.
Schlussendlich fanden wir ein Restaurant welches passabel aussah. Die Karte war natürlich nur auf Chinesisch. Immerhin gab es aber auch Abbildungen der Gerichte. Wobei, ehrlich gesagt, das auch nicht sehr viel zur Inhaltsangabe des Essens beitrug. Was solls, ich habe mich dann für etwas, was gemäss Rui und Xiu Min Huhn sein soll, entschieden.
Es ist auch Sitte, von allem, was auf dem Tisch steht, etwas zu probieren. Rui's Essen war Rind mit irgendeiner Sosse, war gar nicht schlecht. Xiu Min hatte einen grossen Teller mit Schweineschwarten-Teilchen und ganzen Knoblauchzehen drin. Naja, das schmeckte nicht so berauschend. Will gar nicht wissen, wie wir nachher gestunken haben. Mein Essen kam zuletzt. Sah ganz ordentlich aus, schmeckt auch gut, war einfach ziemlich fettig. Es stellte sich dann als Hühnerhaut heraus. Ok, es gibt schlimmeres. Übrigens von wegen Vogelgrippe. Habe mich extra in der Schweiz im Impfzentrum noch erkundet. Gekochtes, gebratenes und sonstig erhitztes Geflügel und deren Produkte sind ungefährlich.
Frisch gestärkt sind wir dann auch wieder Richtung Tsinghua zurück.
Ein Freund, welcher ein Semester in Beijing an einer Nachbar-Uni verbracht hatte, gab mir per E-Mail den Tipp, heute in einen Club namens "Propaganda" zu gehen. Da wäre heute "Ladies' night".
Leider wussten weder wir noch die Angestellten vom Students Dormitory um welche Zeit man in China in Clubs ging.
Egal, wir entschieden uns, so um 9 Uhr loszugehen und waren prompt auch viel zu früh. Der Club sah gut aus von aussen und beim Eingang drückte man uns auch gleich Gutscheine für Gratisdrinks in die Hände.
Die Tanzfläche im Keller war noch noch geöffnet, also setzten wir uns oben in einer Art Bar auf ein Sofa. Die andern bestellten Cola und Gin Tonic. Ich entschied mich für einen "Propaganda". War wohl etwas übermütig. Es stellte sich nämlich heraus, dass das ein merkwürdig farbener Drink war, welcher angezündet wurde und den man mittels eines Röhrchens auf Ex trinken musst. Na Prost! Brr, also der Drink ist nicht zu empfehlen.
Irgendwann konnten wir in den unteren Teil des Clubs und dort lief RnB und Hip Hop. Und nicht irgendwelche Uraltmusik sondern ähnliches wie bei uns läuft. Sogar französischer Hip Hop!
Wie immer bis jetzt war es voll von Asiaten, neben mir sah ich nur ganz kurz zwei europäisch anmutende Jungs.
Ach ja, Toiletten ist ja so ein Thema in China. Bis jetzt war eigentlich alles okay. Ich hatte ja meine eigene Toilette im Zimmer und ausserhalb eine aufzusuchen hatte ich bis jetzt tunlichst vermieden. Aber im Propaganda musste ich dringend mal. Das Damen-WC konnte ich ja immerhin entdecken, es war ein Frauenkopf zur Kennzeichnung an der Türe. Aber die Toilette selber... war eine Art Plumpsklo, also einfach ein Loch im Boden, kein Sitz-WC, immerhin aber mit Spühle. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder mich ekeln sollte. Ich entschied mich für beides. Recht gewöhnungsbedürftig aber nur halb so schlimm wie man im ersten Moment denkt.
Zurück auf der Tanzfläche gesellte sich bald schon eine Gruppe von Koreanern zu uns. Der grösste von Ihnen - in quietschgelber riesiger Bomberjacke - fragte mich auch gleich woher ich sei, was ich hier mache, etc., etc. War ja alles noch nett, aber der fragte mich dauernd, was ich denn über Asiaten denke und ob ich bereits viele Asiaten kennen würde und so Zeug. Auf meine Rückfrage, was er denn über Europäer denke, antwortete er "They have beautiful nose and beautiful eyes." Ja, ja, alles klar. Ich wusste bereits vor meiner Ankunft, dass Europäerinnen in Asien als hässlich gelten, da war sein Spruch grad mehr als nur ironisch. Europäerinnen sehen die in China auf der Strasse sehr selten (habe selber bis jetzt nur 2 andere gesehen) und die halten sie für leichte Beute.
Ich habe dann unterschwellig zu erkennen gegeben, dass er irgendwie nervt und die Jungs haben sich dann auch freundlich verabschiedet und sind gegangen.
Wir haben dann noch weiter getanzt und hatten auch richtig viel Spass. Bis auf Xiu Min, die machte keinen glücklichen Eindruck, das war gar nicht zu übersehen. War nicht ihre Musik, und die dann auch viel zu laut (normalerweise hört sie gerne Jazz)und Ausgehen zum Tanzen kennt sie halt nicht so.
Wir sind dann schliesslich so um 12 Uhr mit dem Taxi nach Hause.
Dort habe ich vor dem Einschlafen noch etwas Fern geschaut. Das darf man auch nicht verpassen! Die Werbespots fand ich am witzigsten. Die verkaufen dort echt allen möglichen Mist, 100mal schlimmer als das Teleshopping bei uns. Es gab zum Beispiel so eine Vorrichtung um den Hals zu strecken. So ein ganzes Gerüst, welches man sich über die Schultern um den Kopf schnallt und damit sogar spazieren gehen kann. Sieht total bescheuert aus.
Immerhin sind die Spots aber unterhaltsamer als bei uns in der Schweiz!
Morgen brauche ich übrigens endlich ein Velo, der Campus ist einfach viel zu riesig!

15 Februar 2006

Noch ein rettender Engel

Heute bin ich erst am Mittag aufgestanden. Ich war in der Nacht wegen des Jetlags aufgewacht und wegen des unbequemen B(r)ettes sehr schlecht eingeschlafen.
Ein neuer Tag mit vielen Aufgaben lag vor mir. Der Unterricht beginnt erst am 21. Februar.
Ich hatte mir vorgenommen, in der Bank of China meine Dollars in RMB zu wechseln und damit die Studiengebühr zu zahlen (ich durfte aus der Schweiz nicht mehr als ca. 400 CHF in Yuen einführen und bei Direktbegleichung des Schulgeldes in Dollars hätte ich ca. 100 Dollars verloren. Bei der Bank wollte ich auch gleich versuchen, ein Konto zu eröffnen, das erleichtert hier vieles.
Ein Internetkabel stand ebenfalls oben auf meiner Liste. Ausserdem weiteres WC-Papier, Tassen, etc.
Auf dem Weg zum Supermarkt (ich wusste eigentlich nur ungefähr in welche Richtung), wollte ich gerade aus dem Lift aussteigen, als ein Mädchen einstieg und sagte "Third floor, not exit". Ich war also aus Versehen im falschen Stock ausgestiegen. Mir war sofort der deutsche Akzent aufgefallen und so fingen wir an uns zu unterhalten. Irgendwie tauchen im Moment immer Leute aus dem Nichts auf, wenn ich sie gerade brauchen, wie schon Nethan, der Amerikaner, die Koreanerin und jetzt Rui.
Rui's Eltern sind Chinesen, sie ist jedoch in Deutschland aufgewachsen. Sie spricht bereits etwas besser Chinesisch und will sich im Sprachkurs einfach noch verbessern. Sie wollte sich ebenfalls auf den Weg zum Supermarkt machen. Und so gingen wir gemeinsam. Ohne sie wäre es überhaupt auch unmöglich gewesen, ein chinesisches Bankkonto zu eröffnen. Natürlich sprach selbst in der Bank of China niemand Englisch und alle Formulare waren ausschliesslich auf Chinesisch. Schlussendlich haben wir das irgendwie hingekriegt, was ich da genau unterschrieben habe, weiss ich aber nicht. Auf jeden Fall bin ich nun stolze Besitzerin einer Bankkarte!
Wir sind dann weiter in ein Shoppingcenter ausserhalb des Campus. Da wird alles Mögliche verkauft: kleine getrocknete Fische als Snack, lebende Kröten, eingeschweisste Hühnerfüsse, etc. Sehr interessant. So ein Einkaufszentrum ist auf jeden Fall ein Erlebnis, alles ist ausschliesslich auf Chinesisch angeschrieben. Und weit und breit nur Asiaten. Übrigens ist das überall so. Auf dem Campus habe ich bisher nur ca. 5 Nichtasiaten gesehen. So weit ich weiss, waren das alles Amerikaner, welche an der Tsinghua ein Semester Jura studieren.
Wir haben dort unseren ganzen Kram eingekauft und in so einer Art chinesisches Fastfood Restaurant gegessen, pro Person ca. 3 Franken, hat auch sehr gut geschmeckt. Gemäss Rui wars Schwein.
Ein Velo haben wir unterwegs nicht gefunden, da müssen wir halt morgen auf der anderen Seite des Campus unser Glück versuchen.
Am Abend wollten wir noch in die Kantine eine Essenskarte für mich kaufen, die braucht man hier in praktisch allen Kantinen, da geht sonst gar nichts (Rui hatte schon eine. An ihrem ersten Tag - da war ich noch nicht angekommen - hatte sie ihre Tante aus Beijing abgeholt und ihr alles Wichtige gezeigt.). Der Schalter war aber schon geschlossen und so sind wir mit ihrer Karte essen gegangen. Es gab Nudelsuppe mit Gemüse und Schweinefleisch. Und gegessen wird das Ganze mit Plastikstäbchen, gar nicht so einfach. Aber schmeckt gut und ist vorallem sehr billig. Das Essen hat uns nur 3.8 Renmin gekostet, also knapp 70 Rappen.
Soeben ist kim su-min im Zimmer vorbeikommen und hat mir einen chinesischen Glücksbringer mitgebracht, den habe ich jetzt grad an den Laptop gehängt. So bringt er vielleicht allen, die das jetzt lesen, auch noch ein wenig Glück :-)
Wir haben gleich auch noch einen Plan für Morgen aufgestellt: zweiter Versuch Velokauf, eine chinesische SIM-Card, eine Digitalkamera, ich muss mein Schulgeld noch bezahlen und Organsieren eines Wasserlieferanten. kim su-min hat heute eine Werbung auf einem Velo gesehen, wo sie anbieten, Pumpkanister zu lieferen.
Das Programm hört sich einfach an, aber glaubt mir, in China braucht man dafür Geduld, gute Schuhe, einen ganzen Tag und eine grosse Portion Humor!
Übrigens habe ich entdeckt, dass ich diesen Blog zwar bearbeiten, ihn aber nicht sehen kann. Sehr viele Internetseiten sind hier gesperrt, so auch die Bloggerseite. Ich sehe den Text also nur in einem Fenster, aber nicht auf der ganzen Blogseite. Hoffe aber, es ist einigermassen lesbar.
Hier noch zum Schluss noch eine Karte vom Campus der Tsinghua: Kein Witz, so eine ähnliche habe ich auch, um mich zu orientieren... http://map.tsinghua.edu.cn:8081/tsinghua/map.htm

Ui ui ui

Ich muss wirklich ein bisschen verrückt sein alleine hierher zu kommen, das ist mir während des gestrigen Tages des öfteren durch den Kopf gegangen.
Der Flug via Paris war ja ganz in Ordnung, aber bereits am Flughafen in Beijing war's vorbei mit der Gemütlichkeit. Da fand ich mich schnell inmitten einer Horde Chinesen, Koreaner und sonstiger Asiaten und ich, die einzige Europäerin, am Warten auf ein Taxi. Als ich dann an der Reihe war, zeigte ich dem Taxichauffeur eine Wegbeschreibung auf chinesisch zur Tsinghua Universität, was er nach einigem hin und her auch verstand. Die Fahrt war ziemlich witzig, weil der Fahrer sich unbedingt mit mir unterhalten wollte. Die müssen ja auch alle für die Olympischen Spiele im Jahr 2008 fit in Englisch sein. Und so kramte er ein verknittertes und zerrissenes Blatt hervor und versuchte mir die darauf notierten Standartsätze vorzulesen. "I am a taxidriver", "Where are you from", usw. Natürlich habe ich kein Wort verstanden, aber da ich die Buchstaben einigermassen entziffern konnte, habe ich einfach auf Chinesisch geantwortet. Klar kannte er rui shi (=Schweiz) nicht und so habe ich ihm halt gesagt, ich käme aus Deutschland. Bevor wir angefangen hatten uns zu unterhalten, war im Auto chinesische Musik gelaufen. Ich bat ihn, doch wieder Musik laufen zu lassen. Nun kommts, er zückte sofort eine Kassette mit englischer Musik u.a. mit Modern Talking drauf, war ja der Hammer. Also kurvte ich in einem halb kaputten Auto durch eine Strasse voller Fussgänger, Velos und anderer noch kaputteren Autos mit Modern Talking Sound und einem Taxifahrer, der versuchte, mitzusingen. Eins habe ich dabei auf jeden Fall mitbekommen, ich werde kein Auto mieten. Hier in Beijing hält sich überhaupt keiner an irgendwelche Verkehrsregeln. Rote Ampel, grüne Ampel, Fussgängerstreifen, Rechtsverkehr, egal. Die Leute kümmern sich nicht gross drum. Wenn zwei Chinesen zusammen auf dem Velo sitzen, sitzt die eine Person immer seitwärts auf dem Gepäckträger, also mit beiden Beinen im rechten Winkel zur fahrenden Person. Sieht echt gefährlich aus. Von diesen Doppelbesatzungen waren Unmengen unterwegs. Es war nämlich Valentinstag und der ist in China offenbar sehr wichtig. Da sah man überall Paare unterwegs und wenn ich das richtig verstanden habe, ist es sogar ein Feiertag. In den Kaufhäusern laufe die ganze Zeit "Wo ai ni", hat mir am nächsten Tag jemand erzählt, so ein chinesisches Liebeslied, welches ich sogar kenne und womit ich viele Freunde bereits vor meiner Abreise nach China genervt habe!
Wie auch immer, irgendwann bin ich dann mit dem Taxi an der Tsinghua Universität angekommen. Nachdem wir zweimal an jeweils falschen Gates angekommen waren. Spätestens da wurde mir bewusst, dass der Campus wirklich immens gross war.
Der Fahrer lud mich dann ab und ich stand einfach mal vor einem ca. 10 stöckigen Reihenhaus. Rund herum riesige Häuser und ein grosser Sportplatz. Kein Mensch weit und breit. Na toll. Also packte ich meinen (viel zu schweren) Koffer, Laptop und Handgepäck und machte mich auf die Suche nach dem Registration Office. Dort stellte sich aber nach bereits einer halben Stunde Warten heraus, dass ich zuerst ein Zimmer besorgen sollte. Und dafür sollte ich in ein anderes Gebäude.
Auf dem Weg nach draussen lief ich aber zum Glück einem Amerikaner über den Weg. Der war sehr hilfbereit und trug mir die Koffer zum anderen Gebäude. Dort half er mir sogar bei der Zimmerreservation und brachte mein ganzes Gepäck in mein neues Reich, dann rauschte er auch schon wieder ab (das war einer der Jurastudenten hier. Die Tsinghua Universität bietet als einzige Uni in ganz China Jus-Vorlesungen in Englisch an.)
Nun, ehrlich gesagt, das Zimmer ist gar nicht sooo schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Halt sehr sehr klein, im winzig kleinen Badezimmer ist eine offene Dusche und ein WC, d.h. wenn man duscht, steht das ganze Badezimmer unter Wasser. Es gibt einen kleinen Kleiderschrank, einen Schreibtisch mit Regal, einen Wasserkocher, ein Lavabo, einen Fernseher (!) und ein Bett. Also auf den ersten Blick wars okay. Das Bett stellte sich dann sehr viel später an dem Tag als massives Holzbrett mit einer gefalteten Decke als Matratze dar, auf dem Boden schlafen wäre nicht sehr viel anders gewesen.
Also, angekommen war ich heil, ein Zimmer hatte ich auch, für die Schuleinschreibung war es schon zu spät, jetzt fehlte vorerst noch eine Internetverbindung. Eine Odyssee, welche ich hier nicht weiter ausführen will, auf jeden Fall stellte sich raus, nachdem ich eine halbe Stunde ins Mainbuilding gelaufen war und mich dort fürs Internet registiert hatte (und natürlich gezahlt habe, ohne das läuft hier gar nix), dass es in meinem Gebäude kein Wireless LAN gab. Ich habe dann halt einen Angestellten gefragt. Der drückte auf meine Computer rum "Uooh, déwen, déwen", ja mein Computer ist auf Deutsch eingerichtet. Nach langem hin und her trieb er einen anderen Amerikaner auf, der aber auch ratlos dreinschaut. Ein paar Minuten später kam der Chinese mit einem andern Ami an, der mir dann sein Kabel lieh. Endlich! Wieder verbunden mit dem Rest der Welt. Tönt zwar bescheuert, aber wer das schon mal durchgemacht hat, wird mich verstehen.
Hier gibt es keine Ansprechsperson, die einem weiterhelfen kann. Die paar Amerikaner wissen auch nicht Bescheid, obwohl sie schon etwa eine Woche hier sind. Ausserdem geniessen die hier einen anderen Service, da deren Studiengebühren ca. 5 Mal höher sind. Die wurden zum Beispiel auch vom Flughafen abgeholt..
Ich habe dann nach dem ersten flüchtigen Blick das Zimmer noch mal genauer inspiziert. Es gibt zwar einen Wasserkocher, aber keine Tasse. Keine Gläser, kein Besteck und vorallem kein WC-Papier. Na toll. Ich habe also versucht, dem Chinesen, welcher so glücklos mein Internet zum Laufen bringen wollte, nach WC-Papier zu fragen. "baaaj in tschop" -> buy in shop, na um 10 Uhr nachts war der aber nicht mehr offen. Jedenfalls auch kein anderer in zumutbarer Nähe.
Auf einmal öffnete sich eine Türe in der Nähe und eine Koreanerin steckte den Kopf raus "What you want?" und brachte mir dann gleich eine Rolle WC-Papier. Sehr witzig. Ich ging zu ihr ins Zimmer und wir unterhielten uns in (sehr) gebrochenem Chinesisch und auf ein bisschen besseres Englisch. Sie war einen Tag vor mir angekommen und hatte sich am folgenden Tag mit allem Wichtigen bei Carrefour eingedeckt: Hausschuhe, WC-Papier, Essstäbchen, Tassen, Teller, Becher, Waschmittel, Duftsäcken für den Kleiderschrank, Kleiderbügel, Getränke und Früchte. Kim Su Min (so ihr koreanischer Name, den chinesischen konnte ich mir nicht merken) bot mir auch gleich an, von den - auch ihr unbekannten - Früchten zu versuchen. Habe zwar keine Ahnung wie die meisten geheissen haben, aber das hat alles super geschmeckt, vorallem die sog. Drachenfrucht. So kam ich wenigstens noch zu was zu Essen, um die Zeit kriegt man nämlich auf dem Campus nichts mehr und für ausserhalb ist der Weg sehr weit.
Die Koreanerin hat mir dann gleich ein paar Kleiderbügel und Duftsäckchen geschenkt und mir angeboten, zusammen chinesisch zu lernen. Koreaner haben nämlich ähnliche Schriftzeichen wie die Chinesen, die Sprache ist aber anders.
Eine Weile später bin ich dann todmüde auf mein Bett, oder eher Brett gelegen und eingeschlafen, ca. 12 Uhr nachts Ortszeit, d.h. 17 Uhr nachmittags in der Schweiz. Ein verrückter aber auch sehr spannender Tag geht zu Ende. Wan an, gute Nacht!

12 Februar 2006

Morgen geht's los

Morgen ist es soweit. Falls die Franzosen sich nicht ausgerechnet am 13. Februar zum "faire la grève" entschliessen, wird mich die Air France via Paris nach Beijing bringen. Ein bisschen Chinesisch habe ich bereits gelernt, meine Möbel sind eingelagert, der Koffer gepackt und das Flugticket bereit. Das wars dann aber auch schon mit Vorbereitung. Wo die Uni genau liegt, wie ich dorthin komme und wie's mit der Unterbringung aussieht, das werde ich vor Ort erkunden.
Habe heute extra Rösti zu Mittag gegessen und stopfe mich im Moment mit Schoggi voll, so im Sinn von "das gibt es nacher nicht mehr so schnell".
Bin noch nicht wirklich nervös. Freue mich eher auf ein Abenteuer in einer für mich unbekannten "Welt".
夏丽丽 在中国 -> Xià lìlì (mein chinesischer Name) in China