Ui ui ui
Ich muss wirklich ein bisschen verrückt sein alleine hierher zu kommen, das ist mir während des gestrigen Tages des öfteren durch den Kopf gegangen.
Der Flug via Paris war ja ganz in Ordnung, aber bereits am Flughafen in Beijing war's vorbei mit der Gemütlichkeit. Da fand ich mich schnell inmitten einer Horde Chinesen, Koreaner und sonstiger Asiaten und ich, die einzige Europäerin, am Warten auf ein Taxi. Als ich dann an der Reihe war, zeigte ich dem Taxichauffeur eine Wegbeschreibung auf chinesisch zur Tsinghua Universität, was er nach einigem hin und her auch verstand. Die Fahrt war ziemlich witzig, weil der Fahrer sich unbedingt mit mir unterhalten wollte. Die müssen ja auch alle für die Olympischen Spiele im Jahr 2008 fit in Englisch sein. Und so kramte er ein verknittertes und zerrissenes Blatt hervor und versuchte mir die darauf notierten Standartsätze vorzulesen. "I am a taxidriver", "Where are you from", usw. Natürlich habe ich kein Wort verstanden, aber da ich die Buchstaben einigermassen entziffern konnte, habe ich einfach auf Chinesisch geantwortet. Klar kannte er rui shi (=Schweiz) nicht und so habe ich ihm halt gesagt, ich käme aus Deutschland. Bevor wir angefangen hatten uns zu unterhalten, war im Auto chinesische Musik gelaufen. Ich bat ihn, doch wieder Musik laufen zu lassen. Nun kommts, er zückte sofort eine Kassette mit englischer Musik u.a. mit Modern Talking drauf, war ja der Hammer. Also kurvte ich in einem halb kaputten Auto durch eine Strasse voller Fussgänger, Velos und anderer noch kaputteren Autos mit Modern Talking Sound und einem Taxifahrer, der versuchte, mitzusingen. Eins habe ich dabei auf jeden Fall mitbekommen, ich werde kein Auto mieten. Hier in Beijing hält sich überhaupt keiner an irgendwelche Verkehrsregeln. Rote Ampel, grüne Ampel, Fussgängerstreifen, Rechtsverkehr, egal. Die Leute kümmern sich nicht gross drum. Wenn zwei Chinesen zusammen auf dem Velo sitzen, sitzt die eine Person immer seitwärts auf dem Gepäckträger, also mit beiden Beinen im rechten Winkel zur fahrenden Person. Sieht echt gefährlich aus. Von diesen Doppelbesatzungen waren Unmengen unterwegs. Es war nämlich Valentinstag und der ist in China offenbar sehr wichtig. Da sah man überall Paare unterwegs und wenn ich das richtig verstanden habe, ist es sogar ein Feiertag. In den Kaufhäusern laufe die ganze Zeit "Wo ai ni", hat mir am nächsten Tag jemand erzählt, so ein chinesisches Liebeslied, welches ich sogar kenne und womit ich viele Freunde bereits vor meiner Abreise nach China genervt habe!
Wie auch immer, irgendwann bin ich dann mit dem Taxi an der Tsinghua Universität angekommen. Nachdem wir zweimal an jeweils falschen Gates angekommen waren. Spätestens da wurde mir bewusst, dass der Campus wirklich immens gross war.
Der Fahrer lud mich dann ab und ich stand einfach mal vor einem ca. 10 stöckigen Reihenhaus. Rund herum riesige Häuser und ein grosser Sportplatz. Kein Mensch weit und breit. Na toll. Also packte ich meinen (viel zu schweren) Koffer, Laptop und Handgepäck und machte mich auf die Suche nach dem Registration Office. Dort stellte sich aber nach bereits einer halben Stunde Warten heraus, dass ich zuerst ein Zimmer besorgen sollte. Und dafür sollte ich in ein anderes Gebäude.
Auf dem Weg nach draussen lief ich aber zum Glück einem Amerikaner über den Weg. Der war sehr hilfbereit und trug mir die Koffer zum anderen Gebäude. Dort half er mir sogar bei der Zimmerreservation und brachte mein ganzes Gepäck in mein neues Reich, dann rauschte er auch schon wieder ab (das war einer der Jurastudenten hier. Die Tsinghua Universität bietet als einzige Uni in ganz China Jus-Vorlesungen in Englisch an.)
Nun, ehrlich gesagt, das Zimmer ist gar nicht sooo schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Halt sehr sehr klein, im winzig kleinen Badezimmer ist eine offene Dusche und ein WC, d.h. wenn man duscht, steht das ganze Badezimmer unter Wasser. Es gibt einen kleinen Kleiderschrank, einen Schreibtisch mit Regal, einen Wasserkocher, ein Lavabo, einen Fernseher (!) und ein Bett. Also auf den ersten Blick wars okay. Das Bett stellte sich dann sehr viel später an dem Tag als massives Holzbrett mit einer gefalteten Decke als Matratze dar, auf dem Boden schlafen wäre nicht sehr viel anders gewesen.
Also, angekommen war ich heil, ein Zimmer hatte ich auch, für die Schuleinschreibung war es schon zu spät, jetzt fehlte vorerst noch eine Internetverbindung. Eine Odyssee, welche ich hier nicht weiter ausführen will, auf jeden Fall stellte sich raus, nachdem ich eine halbe Stunde ins Mainbuilding gelaufen war und mich dort fürs Internet registiert hatte (und natürlich gezahlt habe, ohne das läuft hier gar nix), dass es in meinem Gebäude kein Wireless LAN gab. Ich habe dann halt einen Angestellten gefragt. Der drückte auf meine Computer rum "Uooh, déwen, déwen", ja mein Computer ist auf Deutsch eingerichtet. Nach langem hin und her trieb er einen anderen Amerikaner auf, der aber auch ratlos dreinschaut. Ein paar Minuten später kam der Chinese mit einem andern Ami an, der mir dann sein Kabel lieh. Endlich! Wieder verbunden mit dem Rest der Welt. Tönt zwar bescheuert, aber wer das schon mal durchgemacht hat, wird mich verstehen.
Hier gibt es keine Ansprechsperson, die einem weiterhelfen kann. Die paar Amerikaner wissen auch nicht Bescheid, obwohl sie schon etwa eine Woche hier sind. Ausserdem geniessen die hier einen anderen Service, da deren Studiengebühren ca. 5 Mal höher sind. Die wurden zum Beispiel auch vom Flughafen abgeholt..
Ich habe dann nach dem ersten flüchtigen Blick das Zimmer noch mal genauer inspiziert. Es gibt zwar einen Wasserkocher, aber keine Tasse. Keine Gläser, kein Besteck und vorallem kein WC-Papier. Na toll. Ich habe also versucht, dem Chinesen, welcher so glücklos mein Internet zum Laufen bringen wollte, nach WC-Papier zu fragen. "baaaj in tschop" -> buy in shop, na um 10 Uhr nachts war der aber nicht mehr offen. Jedenfalls auch kein anderer in zumutbarer Nähe.
Auf einmal öffnete sich eine Türe in der Nähe und eine Koreanerin steckte den Kopf raus "What you want?" und brachte mir dann gleich eine Rolle WC-Papier. Sehr witzig. Ich ging zu ihr ins Zimmer und wir unterhielten uns in (sehr) gebrochenem Chinesisch und auf ein bisschen besseres Englisch. Sie war einen Tag vor mir angekommen und hatte sich am folgenden Tag mit allem Wichtigen bei Carrefour eingedeckt: Hausschuhe, WC-Papier, Essstäbchen, Tassen, Teller, Becher, Waschmittel, Duftsäcken für den Kleiderschrank, Kleiderbügel, Getränke und Früchte. Kim Su Min (so ihr koreanischer Name, den chinesischen konnte ich mir nicht merken) bot mir auch gleich an, von den - auch ihr unbekannten - Früchten zu versuchen. Habe zwar keine Ahnung wie die meisten geheissen haben, aber das hat alles super geschmeckt, vorallem die sog. Drachenfrucht. So kam ich wenigstens noch zu was zu Essen, um die Zeit kriegt man nämlich auf dem Campus nichts mehr und für ausserhalb ist der Weg sehr weit.
Die Koreanerin hat mir dann gleich ein paar Kleiderbügel und Duftsäckchen geschenkt und mir angeboten, zusammen chinesisch zu lernen. Koreaner haben nämlich ähnliche Schriftzeichen wie die Chinesen, die Sprache ist aber anders.
Eine Weile später bin ich dann todmüde auf mein Bett, oder eher Brett gelegen und eingeschlafen, ca. 12 Uhr nachts Ortszeit, d.h. 17 Uhr nachmittags in der Schweiz. Ein verrückter aber auch sehr spannender Tag geht zu Ende. Wan an, gute Nacht!

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