Freitagabend bin ich mit Dominik – ein Bekannter aus der Schweiz, der in Beijing arbeitet – nach Dalian geflogen. Nicht mit der Air China, wie ich gedacht hatte, sondern mit der China Southern Airlines. Zum Glück! Diese Fluggesellschaft ist in meinen Augen um Längen besser als Air China. Pünktlich, mehr Komfort und Platz im Flugzeug.
Nach einer Stunde Flug sind wir in Dalian angekommen und sind gleich mal zum Hotel gefahren. Von der boomenden Computer-Stadt haben wir halt nicht mehr viel gesehen, da schon Abend war. Trotzdem haben wir sofort bemerkt, dass es relativ wenig Menschen auf der Strasse hatte. Und das obwohl Dalian 6 Millionen Einwohner zählt. Ausländer habe ich praktisch keine gesehen, während des ganzen Wochenendes sind wir nur etwa fünfen davon begegnet.
Die Stadt ist sehr viel „luftiger“ gebaut, als andere chinesische Städte, die Gebäude sind also grosszügiger verteilt. Ausserdem liegt sie am Meer, was ihr einen gewissen Charme verleit. Eine willkommene Abwechslung zur Hauptstadt Beijing. Verschiedene Gebäude zeigen den ehemals sowjetischen Einfluss auf. Viel anzuschauen gibt’s aber nicht. Wir waren am Renmin Square, Friendship Square, Labour Park und an diversen Strände. Leider war das Wetter nicht so toll. Es war recht kühl und neblig. Also nix mit Baden. Ich hatte versucht, mich vorgängig über Dalian schlau zu informieren. Im Lonely Planet steht aber fast nichts darüber und auch im Internet lassen sich nur schwer Sehenswürdigkeiten ausfindig machen. Ich habe aber zufällig entdeckt, dass es ein Russisch-Japanisches Gefängnis im Süden Dalians geben muss. Die Gegend heisst Lüshun (Port Arthur). An verschiedenen Stellen hiess es zwar, die Gegend sei für Ausländer verboten, aber ich war sofort Feuer und Flamme für einen Ausflug dorthin. Da wir Samstag bereits die meisten Sehenswürdigkeiten abgeklappert hatten, konnte ich auch Dominik von der Idee für Sonntag überzeugen. Nach einiger Suche in einem öffentlichen Internetcafé (das war übrigens vollgestopft mit chinesischen Jugendlichen am Gamen) haben wir den Namen der Busstation Richtung Lüshun gefunden. Allerdings ohne Pinyin, d.h. wie hatten keine Ahnung, wie man den Namen betont. Nach mehreren Versuchen gelang es uns aber, dem nächsten Taxifahrer klarzumachen, wo wir hinwollten. An der Busstation herrschte ein riesiges Chaos, da verkauften Leute Esswaren, verschiedene Busse und Autos fuhren kreuz und quer und alles war natürlich nur auf Chinesisch angeschrieben. Wieder fragte ich mich bei einem Taxifahrer durch und der zeigte dann auf einen Platz oberhalb der Brücke unter welcher wir uns befanden. Keine Ahnung, wie man da hin kommen sollte. In dem Moment rief eine Frau aus einem kleinen alten Bus verschiedene Orte aus; unter anderem auch Lüshun. Okay, wir stiegen also in den Minibus und bezahlten die knapp 1.20 CHF pro Person. Dann hiess es noch eine Weile warten, da der Bus natürlich bis auf die hintersten Plätze besetzt sein musste, dass sich die Fahrt lohnte.
Begleitet von allerlei Geknatter fuhren wir los. Merkwürdige Auffassung von Benzinsparen… Jedes Mal, wenn das Gefährt abwärts fuhr, schaltete der Fahrer den Motor aus und liess den Bus rollen. Nach den ersten paar Kilometern Daherschleichens muss sich der Fahrer aber auf einmal anders besonnen haben, denn nun drückte er mächtig auf die Tube. War froh, als wir nach ca. 40 Minuten heil in Lüshun angekommen sind. Da wir weder Karte noch sonst irgendeine Ahnung von der Gegend hatten, machten wir uns zu Fuss zur Erkundigung auf. Lüshun ist eher ein Dorf als eine Stadt, Wolkenkratzer gibt es hier kaum. Eine Art Märtyrer-Museum haben wir uns angeschaut, als einzige Besucher. Da waren überall Bilder vom Japanisch-Chinesischen Krieg aufgehängt, mit Erläuterungen auf Chinesisch. Auf dem Hof haben wir ein paar Fotos mit einer Kanone geschossen, da drinnen die Kameras nicht erlaubt waren. Ausserdem habe ich mir ein paar Postkarten von Lüshun gekauft.
Mit Hilfe der Bilder auf den Postkarten, haben wir paar Mal bei den Einwohnern nachgefragt, bis wir schliesslich den Weg zum Gefängnis fanden. Es sah ziemlich verlassen aus und so sind wir schnurstracks zum Eingang gelaufen. Eine aufgeregte Dame in Uniform hat mir dann auf Chinesisch gesagt, wir seien Ausländer und dürften das Gefängnis nicht betreten. Wir haben im ersten Moment so getan, als würden wir nix verstehen. Als sie dann aber mittels Funkgerät offenbar Verstärkung einholte und ein anderer Wärter angerannt kam, fragte ich nach dem wieso. Beide entgegneten, Ausländer dürften das Gefängnis nicht betreten. Nochmals: wieso? Als ich wieder dieselbe Antwort erhielt und die uns offenbar so schnell wie möglich loswerden wollten, machten wir uns halt von dannen. Ich liess es mir aber nicht nehmen, ganz schnell ein Foto vom Eingang zu schiessen, nicht ohne bösen Kommentar des Wärters. Auf dem Hof standen übrigens ein paar chinesische Besucher herum, die konnten ohne Probleme alles anschauen.
Wir haben dann ein Taxi angehalten und dem Chauffeur zu verstehen gegeben, dass wir gerne zum Hafen wollten. Der Fahrer wollte gerade los, da kam der Wächter von vorhin angelaufen und sagte ihm, er dürfe uns nicht fahren. Im ersten Moment hat der Taxifahrer gelacht, der dachte wohl, es sei ein Scherz. Aber der Wächter hat sich wiederholt und somit mussten wir allen Ernstes aussteigen. Wir sind dann eben zu Fuss ein paar Hundert Meter gegangen und haben dann ein anderes Taxi angehalten, welches uns zum Hafen brachte. Der Hafen selbst ist aber ebenfalls nicht zugänglich für Ausländer, eine „military sensitive zone“. So haben wir halt vor der Absperrung und nicht hinter der Absperrung aufs Meer geschaut und sind dann weiter zu Fuss Richtung Zentrum.Irgendwo auf dem Trottoir lag das abgezogene Fell eines Hundes (will gar nicht wissen, was mit dem Rest des Tieres passiert ist). Weit und breit keine anderen Ausländer. Im Zentrum angekommen, ist zufällig gerade einer dieser Minibusse Richtung Dalian an uns vorbeigefahren und wir sind eingestiegen. Merkwürdigerweise war das Ticket aber dieses Mal ein bisschen teuerer. Trotz Stehplätze. Der Bus war komplett voll, so mussten Dominik und ich halt stehen. Unbequemer vor allem für Dominik, da er wegen seiner Grösse den Kopf neigen musste, um nicht an der Busdecke anzustossen. Nach etwa 15 Minuten wurde dann aber ein Platz frei und er konnte sitzen. Ich stand noch etwa eine halbe Stunde, dann hatte auch ich einen Sitzplatz.
Zurück in Dalian schauten wir bei einem der unzähligen DVD-Läden vorbei. Scherzeshalber haben wir die Verkäufer, welche übrigens sehr zuvorkommend waren, gefragt, ob sie den Da Vinci Code hätten. Die verblüffende Antwort: in 2 Tagen!
Der Rückflug war wie bereits der Hinflug äusserst angenehm mit der China Southern. Während der Reisezeit habe ich in der China Dailys gelesen, dass dieses Wochenende die Taxipreise erhöht worden waren. Die Teurung des Benzins soll von Taxigesellschaften und den Kunden getragen werden, daher kostet der Kilometer ab sofort 2 anstatt 1.60 Yuan (ca. 35 Rp), der Grundtarif bleibt 10 Yuan. Auf der Fahrt vom Flughafen zurück zur Tsinghua habe ich dass dann auch gleich zu spüren bekommen, anstatt knapp 85 Yuan kostete mich das Ganze fast 100.
Schade war das Wetter so schlecht in Dalian. Aber wir haben das Beste aus der Reise gemacht und haben sogar Lüshun, die "Forbidden City of Dalian" auf abenteuerliche Art erkundigt. Die paar wenigen Fotos, die ich machen durfte, habe ich auf meine Flickr-Seite geladen.