Hühnerhaut , Propaganda und "Plumpsklo"
War wieder ein ereignisreicher Tag gestern (16.02.).
Früh morgens hat mich ein energisches Klopfen aus dem Bett geholt. Xiu Min (so der chinesische Name der Koreanerin)hatte telefonisch Wasserkanister inkl. Handpumpe bestellt, welche nun eingetroffen waren. Super, endlich keine Flaschenschlepperei mehr.
Kurze Zeit später sind wir dann zu dritt losmarschiert, also Xiu Min, Rui und ich. Mit einer ganzen Liste von Besorgungen, welche wir erledigen wollten. Es war bitterkalt und der eisige Wind machte das Laufen fast unerträglich. Wir nahmen uns ein Taxi und fuhren zum Wudaokou oder so ähnlich. Dort gab es Unmenge von Telekommunikations-Shops. Ich brauchte ja noch eine chinesische SIM-Card. Die haben dieselbe Grösse wie die in der Schweiz, also kann ich mein Handy weiterverwenden. Dieses Mal sprachen Rui und Xiu Min mit dem Verkäufer, denn wie bereits erwähnt, spricht praktisch keiner Englisch hier und mit meiner Zeichensprache wäre das viel länger gegangen.
Ich durfte mir dann auch eine Nummer aussuchen. Das lustige ist, dass die unterschiedliche Preise hatten. Das hing aber nicht nur davon ab, ob die Kombination einfach zu merken ist, nein, auch eine wichtige Rolle spielt hier der Aberglaube. Die Nummer 4 ist in China überhaupt nicht beliebt. Si (=4) bedeutet Tod und ist somit eine Unglückszahl. In vielen Hotels wird sich kein 4. Stock finden, aus demselben Grund.
Bedeutet somit auch, dass Handynummern mit einer 4 am günstigsten sind. Da ich nicht unbedingt abergläubisch bin, habe ich mich für eine solche entschieden. Aber nur mit zwei Vieren, herausfordern sollte man es ja auch nicht.
Jedenfalls hatte ich jetzt meine SIM-Card und wir gingen weiter zum Zhongguonzu, das ist ein ganzes Areal voller Electronic-Malls. Da gibt es absolut alles zu kaufen. Ich wollte eine Digitalkamera. Gar nicht so einfach. Es gibt zwar eine riesen Auswahl, auch von Sony, Canon, Samsung, etc., aber die Preise waren nicht viel besser als bei uns. Trotz intensiven Feilschens in einem seperaten Verhandlungszimmer. 2000 RMB wäre das beste Angebot gewesen, das sind ca. 370 CHF. Naja, ich werde mich auf jeden Fall noch weiter umsehen und noch ein paar Ortsansässige fragen.
Nach den ganzen Verhandlungen hatten wir auch langsam Hunger. Weit und breit gab es aber nur Elektronikhäuser und einen McDonald's. So verzweifelt, dass wir in letzterem Essen gehen würden, waren wir aber auch noch nicht.
Schlussendlich fanden wir ein Restaurant welches passabel aussah. Die Karte war natürlich nur auf Chinesisch. Immerhin gab es aber auch Abbildungen der Gerichte. Wobei, ehrlich gesagt, das auch nicht sehr viel zur Inhaltsangabe des Essens beitrug. Was solls, ich habe mich dann für etwas, was gemäss Rui und Xiu Min Huhn sein soll, entschieden.
Es ist auch Sitte, von allem, was auf dem Tisch steht, etwas zu probieren. Rui's Essen war Rind mit irgendeiner Sosse, war gar nicht schlecht. Xiu Min hatte einen grossen Teller mit Schweineschwarten-Teilchen und ganzen Knoblauchzehen drin. Naja, das schmeckte nicht so berauschend. Will gar nicht wissen, wie wir nachher gestunken haben. Mein Essen kam zuletzt. Sah ganz ordentlich aus, schmeckt auch gut, war einfach ziemlich fettig. Es stellte sich dann als Hühnerhaut heraus. Ok, es gibt schlimmeres. Übrigens von wegen Vogelgrippe. Habe mich extra in der Schweiz im Impfzentrum noch erkundet. Gekochtes, gebratenes und sonstig erhitztes Geflügel und deren Produkte sind ungefährlich.
Frisch gestärkt sind wir dann auch wieder Richtung Tsinghua zurück.
Ein Freund, welcher ein Semester in Beijing an einer Nachbar-Uni verbracht hatte, gab mir per E-Mail den Tipp, heute in einen Club namens "Propaganda" zu gehen. Da wäre heute "Ladies' night".
Leider wussten weder wir noch die Angestellten vom Students Dormitory um welche Zeit man in China in Clubs ging.
Egal, wir entschieden uns, so um 9 Uhr loszugehen und waren prompt auch viel zu früh. Der Club sah gut aus von aussen und beim Eingang drückte man uns auch gleich Gutscheine für Gratisdrinks in die Hände.
Die Tanzfläche im Keller war noch noch geöffnet, also setzten wir uns oben in einer Art Bar auf ein Sofa. Die andern bestellten Cola und Gin Tonic. Ich entschied mich für einen "Propaganda". War wohl etwas übermütig. Es stellte sich nämlich heraus, dass das ein merkwürdig farbener Drink war, welcher angezündet wurde und den man mittels eines Röhrchens auf Ex trinken musst. Na Prost! Brr, also der Drink ist nicht zu empfehlen.
Irgendwann konnten wir in den unteren Teil des Clubs und dort lief RnB und Hip Hop. Und nicht irgendwelche Uraltmusik sondern ähnliches wie bei uns läuft. Sogar französischer Hip Hop!
Wie immer bis jetzt war es voll von Asiaten, neben mir sah ich nur ganz kurz zwei europäisch anmutende Jungs.
Ach ja, Toiletten ist ja so ein Thema in China. Bis jetzt war eigentlich alles okay. Ich hatte ja meine eigene Toilette im Zimmer und ausserhalb eine aufzusuchen hatte ich bis jetzt tunlichst vermieden. Aber im Propaganda musste ich dringend mal. Das Damen-WC konnte ich ja immerhin entdecken, es war ein Frauenkopf zur Kennzeichnung an der Türe. Aber die Toilette selber... war eine Art Plumpsklo, also einfach ein Loch im Boden, kein Sitz-WC, immerhin aber mit Spühle. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder mich ekeln sollte. Ich entschied mich für beides. Recht gewöhnungsbedürftig aber nur halb so schlimm wie man im ersten Moment denkt.
Zurück auf der Tanzfläche gesellte sich bald schon eine Gruppe von Koreanern zu uns. Der grösste von Ihnen - in quietschgelber riesiger Bomberjacke - fragte mich auch gleich woher ich sei, was ich hier mache, etc., etc. War ja alles noch nett, aber der fragte mich dauernd, was ich denn über Asiaten denke und ob ich bereits viele Asiaten kennen würde und so Zeug. Auf meine Rückfrage, was er denn über Europäer denke, antwortete er "They have beautiful nose and beautiful eyes." Ja, ja, alles klar. Ich wusste bereits vor meiner Ankunft, dass Europäerinnen in Asien als hässlich gelten, da war sein Spruch grad mehr als nur ironisch. Europäerinnen sehen die in China auf der Strasse sehr selten (habe selber bis jetzt nur 2 andere gesehen) und die halten sie für leichte Beute.
Ich habe dann unterschwellig zu erkennen gegeben, dass er irgendwie nervt und die Jungs haben sich dann auch freundlich verabschiedet und sind gegangen.
Wir haben dann noch weiter getanzt und hatten auch richtig viel Spass. Bis auf Xiu Min, die machte keinen glücklichen Eindruck, das war gar nicht zu übersehen. War nicht ihre Musik, und die dann auch viel zu laut (normalerweise hört sie gerne Jazz)und Ausgehen zum Tanzen kennt sie halt nicht so.
Wir sind dann schliesslich so um 12 Uhr mit dem Taxi nach Hause.
Dort habe ich vor dem Einschlafen noch etwas Fern geschaut. Das darf man auch nicht verpassen! Die Werbespots fand ich am witzigsten. Die verkaufen dort echt allen möglichen Mist, 100mal schlimmer als das Teleshopping bei uns. Es gab zum Beispiel so eine Vorrichtung um den Hals zu strecken. So ein ganzes Gerüst, welches man sich über die Schultern um den Kopf schnallt und damit sogar spazieren gehen kann. Sieht total bescheuert aus.
Immerhin sind die Spots aber unterhaltsamer als bei uns in der Schweiz!
Morgen brauche ich übrigens endlich ein Velo, der Campus ist einfach viel zu riesig!

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