18 Februar 2006

Kontrast

Am heutigen Tag stand der Chinesischtest auf dem Plan. Das Gebäude hatte ich relativ schnell wieder gefunden. Das Velo ist echt eine riesen Erleichterung.

Überall waren viele Koreaner und Japaner, ein paar wenige Europäer schwirrten auch herum.
Drinnen traf ich auf Rui und Xiu Min, welche soeben ihre Tests beendet hatten. Sie waren in der ersten Prüfungsgruppe. Als wir so im Gang herumstanden, stellte sich auf einmal eine total unangemessen aufgebrezelte Brünette neben uns und stellte sich vor. Sie war aus Zürich. Hilfe! Das war so eine – sorry – typische Goldküstentussi. Ich verwickelte sofort jemand anderen in ein Gespräch und ignorierte sie einfach. Mich bei ihr als Schweizerin erkennen zu geben, das musste nun wirklich nicht sein.
Im Klassenzimmer schliesslich traf ich auch noch einen Kanadier und ein paar Amis, die waren eigentlich ganz nett.

Der Test selber? Nun, so schnell habe ich in meinem Leben wohl noch nicht eine Prüfung abgegeben. Meinen Namen auf Deutsch und Chinesisch habe ich draufgeschreiben. Vom Rest hatte ich null Ahnung. Die Lehrerin liess nämlich eine Kassette laufen und wir sollten Multiple-Choice Antworten ankreuzen. Alles ausschliesslich auf Chinesisch. Die einzigen chinesischen Zeichen, die ich kann, sind „China“, mittlerweilen mein Name und das wars dann auch schon. Meine spärlichen Chinesischkenntnisse hatte ich mir ursprünglich mittels Pinyin-Umschrift (internationale Lautschrift) erarbeitet, nicht mit den Characters.

Am Nachmittag fand die offizielle Willkommensfeier im Mainbuilding statt. Das ist ein wunderschönes und topmodernes Gebäude. Ich schätze die Anzahl ausländischer Studenten auf ca. 300. Wir sassen also alle in dieser stilvollen Aula mit (ja, das gibt es auch manchmal in Schulen) sehr bequemen Stühlen. Für manche vielleicht zu bequem, denn schon nach kurzer Zeit waren einige – vor allem Japaner –bereits eingenickt.
Die gesamte Rede wurde – wen wunderts – auf Chinesisch gehalten. Nur ein paar Stichworte wurden mittels Powerpoint-Präsentation neben dem Chinesisch ebenfalls auf Englisch eingeblendet. Ziemlich patriotisch das Ganze. Aber auch eindrücklich. Dieses Jahr besuchen ca. 30'000 Studenten die Tsinghua Universität. Sie zählt – neben der Beijing Universität – zur Besten ganz Chinas. Im International Students Handbook steht auf der 1. Seite wortwörtlich: „The Inspiring Motto of Tsinghua University: Self-improvement and social commitment. The Spirit of Tsinghua University: Actions Speak Louder than Words. The Study Sprit of Tsinghua University. Rigor, Diligence, Veracity and Creativity.” Der aktuelle Präsident der VR China, Hu Jintao, ist ein Ex-Student der Tsinghua.

Ich habe von der Rede praktisch gar nichts verstanden sondern in dem Büchlein geblättert. Offenbar muss es aber auch amüsant gewesen sein, denn ab und zu lachten mehrere Zuhörer und auch die Redner über das eben Gesagte.

Die Studenten wurden dann aufgesplittet in Englisch und Chinesisch. Bei uns im englischen Raum war die Referentin von der Visums-Behörde. Sie erklärte und allgemeine Regeln. Im speziellen an die Männer richtete sie die Worte, dass Vandalismus o.Ä. auch im Trunkenzustand harte Strafen zur Folge habe. Für Kontakt mit Prostituierten gibt’s sofort Landesverweis. Dann noch allgemeine Hinweise: Wo man sich registrieren soll, auf Wertsachen achten, usw.

Nach der Veranstaltung trafen wir die Jungs vom Velostand wieder, Fredrik (der Schwede), Stefan (Österreicher) und Charles (ihr chinesischer Buddy). Wir vereinbarten am Abend im 22ten Building, wo wir zusammen mit anderen Studenten dann das Nachtleben erkunden wollten.

Ich wollte ja eigentlich den andern Europäern aus dem Weg gehen, aber für ein Mal, dachte ich mir, kann mans ja mal versuchen.

Schlussendlich waren wir ca. 20 Leute (ca. 10 davon aus Deutschland, die waren sogar zusammen aus Aachen durch ein Austauschprogramm hierher gekommen). Wir landeten in einer Bar namens Blu. Sehr edel eingerichtet. Wie bisher überall lief auch hier Hiphop. Im Gegensatz zum Propaganda waren hier aber praktisch nur Ausländer. Wie schon erwähnt, war das nicht gerade mein Traum, aber jetzt waren wir ja schon hier. Die Deutschen Jungs benahmen sich auch dem Klischeé entsprechend und tranken was das Zeug hielt. So in etwa stelle ich mir die Urlaubs-Nachtszene in Mallora vor… Egal, wir feierten auf unsere Art mit und hatten auch unseren Spass.

Um ca. 2 Uhr verliessen wir dann den Club und da erwartete uns dann das erschreckende Kotrastprogramm zur „Mallorca-Stimmung“ drinnen. Kleine Kinder, ich schätze mal 6 Jahre alt umringten unsere ganze Gruppe und verlangten nach Geld. Sie zerrten an den Kleidern der Jungs und waren richtig aufdringlich und aggressiv. Ich habe ja schon einiges gesehen. Aber das hat mich wirklich erschüttert. Sie zogen und zerrten an uns Erwachsenen herum. Einer der Jungs machte den Fehler und gab einem Knirps etwas Geld, klar stürzten sofort die andern 4 auch herbei und liessen ihn fast nicht mehr weitergehen. Ich hielt meine Tasche fest und wir liefen weiter zum Taxi. Ein Kind zog an Ruis Tasche und als sie sie wegzog und auf chinesisch „nein“ sagte, war er so verärgert, dass er zum Boden griff und einen Stein packte. Jemand anders rief ihn aber sofort zurück und Rui kam unversehens ins Taxi. Jemand von unserer Gruppe gab den Kindern was zu essen, das war aber auch sehr schwierig, die waren so aggressiv. Ich glaube aber, es ist aber auch das einzige, was ihnen wirklich helfen kann. Die sahen so heruntergekommen aus und hatten trotz ihres kindlichen Alters sehr harte und bittere Züge im Gesicht.

Wahrscheinlich gibt es da eine Art „Zuhälter“, welche sie losschickt und ihnen das meiste Geld gleich wieder abköpft.

Das hat mich wirklich beelendet. Die andere Seite vom „Boomland China“.