09 Juni 2006

Verrückte

Diese Woche fanden in China die Prüfungen zur Aufnahme in die Universitäten statt. Eine riesen Sache. Während der Prüfungstage sind die Autofahrer angehalten, das Hupen einzustellen. Und, oh Wunder, die Leute halten sich wirklich daran und unterlassen die nervigen Hupkonzerte auf der Strasse. Unsere Lehrerin hat gesagt, dass sogar die Flugzeuge eine andere Route nehmen, um die Schulen, an welchen die Prüfungen stattfinden, nicht durch den Lärm zu stören. Hört sich übertrieben an, aber wenn man darüber nachdenkt, macht das Sinn. Hier in China ist es äusserst wichtig, an welcher Universität man studiert. Das bestimmt, wie die ganze weitere Karriere aussieht. Auch hier an der Tsinghua fanden diese Aufnahmeprüfungen statt. Viele Eltern begleiteten ihre Kinder und warten stundenlang draussen. Hinzu kommt, dass alle Einzelkinder sind, was den Druck noch vergrössert. Ein Mitschüler aus Korea hat erzählt, dass das bei ihnen ganz ähnlich ist. Aufgrund des grossen Stresses bringen sich auch jedes Jahr Schüler um, da sie dem Druck einfach nicht gewachsen sind.

Am 20. Juni werde ich jetzt an dem CCTV-Programm teilnehmen. Habe sogar die Lehrerin gefragt, ob sie nicht schauen kann, dass die Prüfung nicht mit dem Termin um 10 Uhr kollidiert. Und es hat tatsächlich geklappt. Sie haben den Mündlichtest auf Dienstagmorgen gelegt, also kein Problem. Ich habe auch jemanden gefunden, der mir sehr viel helfen kann mit der Vorbereitung (nein, nicht die Botschaft, die hat das gar nicht interessiert). Beat von der Swiss Society Beijing wird mir Kuhglocken, Sennenhemden und ein Fondueset ausleihen. Ausserdem hat er mir noch Kontakte vermittelt zu Leuten, welche Trachten und ein Alphorn besitzen. Ha ha, das wird der Knaller.

Habe mich jetzt auch mehr oder wenige für eine Route für meine Reise entschieden. Beijing-Ho Chi Minh City (Saigon) in Vietnam – Siam Reap (für Angkor Wat) in Kambodscha und Ko Samui in Thailand. Werde versuchen, am 11. Juli in Ko Pha-Ngan zur Vollmondparty zu sein. Am Mittwoch habe ich versucht, die Flugpreise in einem Reisebüro zu erfahren. Ganz schön zeitraubend weil die Girls kein Englisch sprachen und meine Chinesischkenntnisse halt doch sehr beschränkt sind in Bezug auf Länder- und Städtnamen. Ho Chi Minh City haben die ja noch verstanden, aber Kambodscha? Irgendwann haben wir es aber doch auf die Reihe gekriegt und sie wollten mir später anrufen, wenn sie die Preise zusammen haben. Überlege mir aber, nur den Flug nach Vietnam zu buchen, die andern Trips jeweils vor Ort. Bin noch die verschiedenen Ticketpreise am checken. Wahrscheinlich buche ich hier online bei einem Anbieter, bei dem wir schon für Dalian gebucht haben. Nächste Woche muss ich meinen Pass wieder abholen. Ich musste mir einen zusätzlichen „Entry“ nach China holen, da mein Visum nur einen einzelnen erlaubt hat. Dann muss ich noch ein Visum für Vietnam einholen. Das für Kambodscha werde ich vor Ort besorgen. Für Thailand brauch ich keins.

Muss mir auch unbedingt noch ein paar leichte lange Hosen und grosse Shirts besorgen. „Dress as modest as possible“, das wird ich bei meinem Trip garantiert befolgen.

Komme gerade von einer „Roof Party“ auf einem der Studentengebäude zurück. Andrew hat Eni und mich eingeladen. Andrew ist ein Freak (wer hier eigentlich nicht?), der an der Topuni Columbia in New York studiert. Englische Literatur aus dem 17. Jahrhundert. Die Columbia hat einen Vertrag mit der Tsinghua, sodass es noch mehr von denen hier hat. Allerdings sind die meisten etwas schräg. Alle sind extrem intelligent, aber ein Gespräch mit denen zu führen, wo es nicht um Geschichtliches oder Politisches geht, ist relativ schwierig. Das kann mit der Zeit ermüdend sein. Aber ab und zu ist es ganz witzig mit denen. Eben dieser Andrew zum Beispiel hat erzählt, dass als er zur Einschreibung hier seinen chinesischen Namen angeben musste, sagte er „An“, da es ein einfaches Zeichen ist. Die haben ihm dann aber gesagt, der Name sei zu kurz, er müsse noch was dranhängen. Als im aber nix eingefallen ist, haben die ihn einfach „An Zedong“ getauft. Wie schräg ist das denn?

Irgendwie ist das Leben in den Grundsätzen doch überall auf der Welt ähnlich. Auch hier gibt es Verrückte, Lovestories, reiche Zicken, Ärger, Drogengeschichten, Streber, Partyleute, Bad guy, etc. Aber irgendwie passiert davon hier viel mehr und in konzentrierter Form. So kommt es mir auf jeden Fall vor.

Vorallem auf meiner Etage gibt’s da einen von der letzterwähnten Spezies. Halb Chinese, halb Ami. Schon als ich den Typ das erste Mal gesehen habe, habe ich sofort registriert, dass ich um den lieber einen grossen Bogen mache. Und ich hatte Recht. Der ist jeweils in allerlei Ärger verstrickt. Vor ein paar Tagen war ich im Zimmer (ca. Mitternacht), als auf einmal jemanden herumschreien hörte. Worum es genau ging, hab ich auch nicht verstanden, da praktisch jedes Wort „f…ck“ war. Ozzy Osborne ist nichts dagegen. Auf jeden Fall bin ich echt erschrocken, da es eine männliche Stimme war, die wirklich stocksauer über irgendetwas fluchte und mir den Eindruck gab, der Typ würde jetzt dann das ganze Haus zusammenschlagen. Jemand anders hat offenbar versucht, ihn zu beruhigen und kurz darauf, hörte ich viel Glass auf dem Boden zerbrechen. Keine Ahnung was da los war.

Der Typ lief am nächsten Tag mit einer grossen Narbe quer über die Backe herum. Ich habe einer Freundin, welche ihn kennt von dem Vorfall erzählt. Sie hat mir dann gesagt, dass ihm in der Nacht (wahrscheinlich vor dem Tumult auf dem Gang) jemand in einer Bar mit einer zerbrochenen Flasche ins Gesicht geschnitten hat. Die ca. 10 cm lange Wunde wurde mit sehr vielen Stichen genäht. Das ist ein „Gesicht verlieren“ im wahrsten Sinne des Wortes. Was für Chinesen eines der schlimmsten Dinge ist. Seine Familie erwartet von ihm, dass er den andern umbringt. Und verrückt genug wie er ist, wird er das vielleicht wirklich tun.