Habe mich heute um 8 Uhr aus dem Bett gequaelt und eine kalte Dusche genommen. Danach hab ich meine Tasche gepackt und bin an den Tisch mit der tollen Aussicht auf den See gesessen. Waehrend des Fruehstuecks habe ich einen anderen Reisenden kennengelernt, der gerade am Lesen war. Er ist Chinesisch-Kanadier. So konnte ich gleich noch ein bisschen mein Chinesisch auffrischen, wir haben uns ueber China, Kambodscha und Thailand unterhalten. Es war sehr interessant und als er mir erzaehlt hat, dass er noch ein paar Tage in der Unterkunft bleiben wird, habe ich mich - auch in Anbetracht des ansonsten viel zu grossen Stresses - dazu entschieden, auch noch einen Tag dort zu bleiben. Er hat mir uebrigens auch dazu geraten, die Malariaprophylaxe nicht mehr einzunehmen. Ich haette das Zeug sowieso nicht mehr genommen nachdem es mir so einen Brummschaedel verursacht hat. Der junge Kamdoschaner vom Hotel hat mich dann mit dem Motorrad auf der staubigen Landstrasse (mein ganzes Gesicht war danach braun) zu den etwa 15 Km entfernten Killing Fields gebracht. Hier befinden sich die Massengraeber der durch die Khmer Rouge ermordeten Menschen. Schaetzungsweise 2 Mio Menschen fielen der Schreckensherrschaft zum Opfer. Es ist so schrecklich. Aus dem Boden wachsen die Kleider mit dem Gras an die Oberflaeche und in einer Glasvitrine befinden sich tausende Schaedel aufeinander gestapelt. Es ist schwer nachvollziehbar, was sich hier abgespielt haben muss. Spaeter am Nachmittag sollte ich eine groessere Ahnung davon bekommen.
Der Junge, leider konnte ich mir seinen Namen nicht merken, hat mich danach zu einem Markt gebracht, da es noch frueh war und das Tulum Sleng Genozid Museum wuerde den Dokumentarfilm, den ich unbedingt sehen wollte, erst um 3 Uhr zeigen.
Bin erstaunt, wie wenig Touristen ich bis jetzt gesehen habe.
Das Tuol Sleng Gefaengnis, auch S21 genannt, ist eine ehemalige Schule. Hier erhaelt man einen Eindruck der unfassbaren Greueltaten. Bevor ich nach Kambodscha kam, wusste ich nur sehr wenig darueber. Um so tiefer hat es mich getroffen, hier vor Ort zu sein und mir bewusst zu werden, was zwischen 1975 und 1979 am gleichen Ort geschehen ist. Alle Eingelieferten wurden vor der Inhaftierung fotografiert. Nur 7 von allen hier angekommenen Menschen (etwa 20'000) haben ueberlebt. Als ich vor einem Foto von einer Mutter mit ihrem Baby stand, bin ich in Traenen ausgebrochen. Auch sie sind beide umgekommen. Die wenigsten wurden erschossen, das kostete Munition. Erschlagen war die haeufigste Methode, wenn die Opfer nicht schon waehrend der unzaehligen Folterarten umgekommen waren. Man kann sich nur vor Ort ein Bild davon machen. Ich habe mir mit etwa 10 anderen Besuchern (hierhin kommen taeglich ca. 50 Leute) den Dokumentarfilm angesehen. Mir ist das Blut in den Adern gefroren, was fuer ein gebeuteltes Land. Erst der Vietnamkrieg, die unzaehligen Minen, welche noch immer eine grosse Gefahr darstellen und das Massaker an eigenen Landsleuten. Kambodscha wurde um seine Zukunft beraubt, praktisch alles Gebildeten wurden umgebracht, nur einfache Arbeiter wurden verschont. Ein Drittel der ganzen Bevoelkerung ausradiert. Das uebersteigt meine Vorstellungskraft. Ich bin wie betauebt und schwer betroffen aus Tuol Sleng Lager herausgelaufen. Draussen bettelnde Minenopfer. Mir taten all die Kambodschaner so Leid, sie alle muessen in irgendeiner Art und Weise direkt von dem Massenmord betroffen sein. Das Ganze hat ja erst vor 17 Jahren aufgehoert.
Der Junge vom Hotel hat mich wieder abgeholt und er hat noch einiges ueber Kambodscha und sein Leben erzaehlt. Zueruck im Hotel hab ich ihn auf einen Drink eingeladen und noch mehr mit ihm geredet. Er hat mir z.B. erzaehlt, dass zwar viele Laender Geld spenden, aber die Regierung sehr korrupt ist und das gleich selber einsackt. Neben dem Koenig (der hat praktisch keine Macht) gibt es einen Premierminister, welcher regiert. Allerdings wollen ihn die Kambodschaner wegen seiner Korruptionen nicht. Alle 5 Jahre koennen sie zwar waehlen, aber bei der letzten Wahl, bei der viele fuer die Opposition gestimmt haben, ging schon wieder er als Sieger hervor. Seit 15 Jahren. Ich war erstaunt ueber seine Aeusserungen und hab ihn gefragt, woher er das weiss. Er hat gesagt, er rede mit den Leuten und er hoere die Nachrichten im Radio. Das Radio sei unter amerikanischer Kontrolle, daher duerfen sie solche Dinge aeussern.
Ich hab ihm 20 Dollar gegeben. Ja, normalerweise gibt man einem Fahrer 8 Dollar, aber er hat nicht viel und war so liebenswuerdig und ich habe einiges von ihm gelernt. Ich kann mich gluecklich schaetzen, nicht wie er oder viele ander aufgewachsen zu sein.
Fuer den naechsten Tag habe ich die Busfahrt nach Siam Reap gebucht. Die kostet nur 5 Dollar (Flug waere 65 Dollar plus Flughafentaxe von ueber 20), ich sehe was von der Landschaft und kann das Geld fuer bessere Zwecke in Siam Reap spenden.