Im falschen Film an der WM
Was war das denn? Um 9 Uhr habe ich noch ganz friedlich mit Xiu Minh das Korea-Togo Spiel angeschaut hier in der Uni. Um 23:30 hab war ich mit Alban, einem französischen Mitschüler, beim Wudoukou Biergarten verabredet. Wir wollten das Spiel zusammen anschauen, da ich auch sowieso anderen Schweizer hier in der Nähe kenne. Andrew wollte dann auch mitkommen und Xiu Min hab ich auch gleich mitgenommen. An meinem letzten Arbeitstag vor meiner Abreise hab ich von den Girls in meinem Büro u.a. ein Schweizer Shirt bekommen. Das hab ich natürlich angezogen und Xiu Min hab ich einen roten Regenponcho mit einem grossen weissen Kreuz drauf verpasst (thanx Sonja). Keine so gute Idee, wie sich später rausstellen sollte.
In Wudaokou angekommen standen bestimmt 20 Polizeiwagen herum und etliche Polizisten alle paar Meter. Offenbar hatte sich während des Spieles zuvor eine grosse Menschenmenge gebildet (Wudaokou ist ein richtiges Korea-Viertel), sodass nicht mal mehr die Autos passieren konnten. Daher wurde mal erst alles mit Polizisten überschwemmt, die die Menge zerstreute.
Wir haben einen Platz in der Nähe der Leinwand im Open-Air Biergarten ergattert. Die Schweizer hier zahlenmässig bei Weitem unterlegen. Vorallem hatte es Koreaner und auch recht viele Franzosen. Letztere in Nationalfarben und mit allerlei Herumgebrülle. Unter den schätzungsweise 200 Leuten hatte es vielleicht 5 Schweizer. Neben mir und Xiu Mins Poncho waren noch 2 mit roter Kleidung und Schweizerkreuz anwesend.
Das Spiel begann also und die Franzosen neben mir brüllten was das Zeug hielt. „Hopp Schwiiz“ ging da total unter. Naja, bin ja eh nicht so der Patriot aber WM ist schliesslich nur alle 4 Jahre. Und so hab ich halt auch gerufen was die Lunge hergab, mit Unterstützung von Xiu Min und Andrew. Der aber bald wieder zu seinem Lieblingsthema Politik zurückgekehrt und schon wieder davon zu erzählte begann.
Tja, und dann kam die Pause. Und der Strom ging. Kein Witz, auf einmal hatte es keinen Strom mehr im Biergarten. In den umliegenden Häusern schon. Komisch, aber nicht so schlimm. So sind war dann halt ein paar Blocks weiter ins Zub, wo das Spiel in einem Club gezeigt wurde. Da gab es viel weniger Leute und wir setzten uns in eine Reihe kurz vor der Leinwand. Falsche Platzwahl. Die Sessel vor uns war nämlich von ein paar ganz radikalen Franzosen besetzt. Kahlgeschoren und ziemlich besoffen. Mein Französisch ist ja nicht das Beste, aber ein paar krasse Schimpfworte hab ich aus verschiedenen Filmen wie La Haine auch noch mitgekriegt. Ja, so haben die dann herumgeflucht und –geschrien, sogar Alban, der ja selber Franzose ist, war es nicht mehr wohl. Die haben dann sogar die Schweizer Flagge, die neben der französischen hing, wegnehmen wollen. Davon hat sie allerdings ein anderer Typ abgehalten. Mit dem haben sich die Guys fast eine Schlägerei geliefert. Ärger machen war ihnen glaub eh wichtiger als wirklich das Spiel mitzuverfolgen. Auf jeden Fall sind Degen, Frei und Co. mit allerlei krassen Fluchwörtern belegt worden. Ich habe ziemlich schnell – auch auf Anraten von Andrew (welcher auf einmal mucksmäuschenstill geworden war und kein Wort mehr über Kommunismus oder Ähnliches verlor) und Alban mein Jäckchen zugeknöpft, sodass man das Kreuz nicht mehr gesehen hat. Ich bin nun wirklich kein Angsthase, aber es gibt da so gefährliche Mischungen (Alkohol, verletzter Stolz und Rüpelhaftigkeit), deren Explosion man lieber vermeidet. Und so hab ich auch meine Klappe gehalten.
Ganz kurz bevor das Spiel dann vorbei war, hat Alban gesagt, wir sollten jetzt besser gehen. Es würde sowieso gleich beendet sein. Er hat seine Jack genommen und damit den Regenponcho von Xiu Min bedeckt und wir haben uns aus dem Staub gemacht.
Ich verstehe ja weiss Gott nicht viel von Sport, aber was war das für eine Nacht? Beim Qualifikationsspiel gegen die Türkei mussten die Schweizer Spieler türmen, hier in China müssen wir vor den Franzosen abhauen? Ach ja, habe dann auch noch erfahren, dass der Strom im Biergarten absichtlich abgestellt wurde. Das haben uns auf jeden Fall ein paar Amerikaner noch erzählt. Genau in der Spielpause war der Strom weg und genau nach dem Spiel wurde er wieder eingeschaltet, wir sind daran vorbeigelaufen. War eine Sicherheitsmassnahme der Chinesen. „They don’t wat people to gather“, sie wollen nicht, dass sich Leute versammeln.
Komm mir vor wie im falschen Film.

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